Faszination Sammelbilder

Mittwoch, 30. März 2016

Die Spannung beim Tütenaufreißen, das konzentrierte Einkleben und natürlich das Tauschen der unzähligen doppelten Sammelbildchen: Fußball-Welt- oder Europameisterschaften sind ohne die bunten Klebesticker kaum mehr vorstellbar. Der grimmige bulgarische Verteidiger Trifon Iwanow lehrte uns bei der WM 1994 in den USA Demut, der kolumbianische Torhüter Rene Higuita begeisterte erst dank mächtiger Mähne und kräftigem Schnauzbart, dann mit seinen wilden Ausflügen über das Spielfeld. Allein die Portraitbilder im WM-Album sicherten ihnen ewigen Kultstatus in fußballbegeisterten Kreisen.

Doch immer mehr Sammler versuchen, sich von den Panini-Alben abzuwenden. Das Hobby wird inzwischen zur Sucht, der Hersteller vom Freund zum Dealer. Das größte private Maserati-Museum ist in Händen der italienischen Familie, passend dazu erscheint das umfangreichste Album nun zur Euro 2016. Inzwischen braucht es 660 Sticker, um das aktuelle Sammelheft vollständig zu haben. 

Es gibt eine Alternative: die Tschutti Heftli aus der Schweiz. Silvan Glanzmann, Grafiker aus Luzern, präsentierte bei 11mm die Ausgabe zur Europameisterschaft in Frankreich. Das Besondere daran: Jedes Team ist von einer Künstlerin oder einem Künstler gestaltet worden. Über 200 Illustratoren oder Grafikerinnen beteiligten sich an einem Wettbewerb und gestalteten ein Portrait von Zinedine Zidane. Während des 11mm Fußballfilmfestivals gab es dazu eine Ausstellung im Centre France de Berlin zu sehen.

Auch die beiden Berliner Künstlerinnen Magdalena Torres und Janna Klävers überzeugten die Jury mit ihren Entwürfen. Die gebürtige Chilenin Magdalena Torres spielt selbst begeistert Fußball in einem Frauen-Team. Ihre Mannschaft bei der Euro 2016 ist Tschechien. Janna Klävers hingegen hat bislang mit Fußball oder Fußball-Bildchen wenig zu tun gehabt: Ihre einzige Verbindung zu Panini hieß Teenage Mutant Ninja Turtles, doch jetzt unterstützt sie die Italiener. 

Zu Beginn war das Kicker Sticker Album nur ein Spaß für Freunde in Luzern. Silvan Glanzmann verpackte die Sammelbildchen mit Hilfe seiner Freunde in seinem Wohnzimmer einzeln in Tütchen. Inzwischen gibt es auch in Deutschland und Österreich einen Vertrieb. Die neuen Sticker werden in Italien auf einer Maschine produziert, auf der auch Panini seine Bildchen fertigen ließ. Sogar der Original-Geruch steckt jetzt in den Zehner-Tütchen aus der Schweiz.

Aber im Gegensatz zum Marktführer haben die Tschutti Heftli keinerlei kommerziellen Hintergrund. Die Macher arbeiten mit karitativen Organisationen zusammen. Damit haben sie sich weit von den Anfängen der Sammelbildchen entfernt. Die ersten Bilder dienten zur Werbung für ein Fleisch-Extrakt. Die Dokumentation „Die verrückte Welt der Sammelbilder“ zeigt, dass um 1875 die Firma Liebig erste aufwändig kolorierte Bilder als Beigabe zu Brühwürfeln packte. Die Idee dazu stammte von einer Werbeagentur aus Paris. Das Prinzip hat sich durchgesetzt. Noch heute gibt es Sammler, die stolz ganze Schränke voller Sammelalben öffnen und den Blick auf ihre kostbaren Schätze preisgeben.

Doch was tun, wenn ein entscheidender Teil der Sammlung fehlt. Neben dem Tauschen hat sich heute das Nachbestellen durchgesetzt. Auch aus finanzieller Sicht eine sinnvolle Alternative, wenn das Heft unbedingt vollständig sein soll. Eher spielerisch geht der spanische Kurzfilm „Rodilla“ mit einem tragischen Verlust in der Kindheit um. Selbstgemachte Sammelbildchen mit professionellem Anspruch, fast wie bei den Tschutti Heftli.