13.07.11
SO WEIBLICH WIE NIE
11mm – 8. Internationales Fußballfilmfestival (Berlin, 25. – 30. März 2011)
Ein Gastbeitrag von Jan Tilman Schwab - mit freundlicher Erlaubnis des TÖDLICHEN PASSES
Das internationale Fußballfilmfestival 11mm ließ es sich in seiner insgesamt achten Ausgabe anlässlich der anstehenden Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland nicht nehmen, einen besonderen Schwerpunkt dieses Jahr dem Frauenfußball zu widmen. Ausgelobt worden war ein Preis für den besten Frauenfußballfilm aller Zeiten, der als Publikumspreis aus einer Vorauswahl eines Programms zu küren war, welches die wichtigsten Spielfilme (KICK IT LIKE BECKHAM, EINE ANDERE LIGA, OFFSIDE) und Dokumentationen (CHURUBAMBA, DIE BESTEN FRAUEN DER WELT, FOOTBALL UNDER COVER) zum Themengebiet Frauen und Fußball versammelte.
Dergestalt wurde dem bedeutenden retrospektiven Aspekt eines thematisch ausgerichteten Festivals dieses Jahr sogar noch ein gesondertes Augenmerk geschenkt. Der Siegerfilm DIE SCHÖNSTE NEBENSACHE DER WELT von Tanja Bubbel war wie die meisten anderen der insgesamt dreizehn Filme dieser Sektion bereits in vorangegangenen Ausgaben des Festivals gelaufen. Zugleich warteten aber auch hier bemerkenswerte Neuentdeckungen wie PIZZA BETHLEHEM oder DIE BALLKÖNIGIN auf ein interessiertes Publikum, von denen HANA, DUL, SED…, ein gleichermaßen außergewöhnlicher wie charmanter Dokumentarfilm über nordkoreanische Nationalspielerinnen, besonders hervorzuheben wäre.
Eröffnet wurde das Festival mit der umjubelten Weltpremiere von Aljoscha Pauses TOM MEETS ZIZOU, einer Langzeitdokumentation über Thomas Broich. Der ehemals in Diensten von Mönchengladbach, Köln und Nürnberg stehende Profi gilt zu recht als einer der interessantesten deutschen Fußballer, der unangepasst, querdenkend, eigenwillig in seiner Karriere stets andere Prioritäten gesetzt hat, als dies der moderne Fußball zulässt. Der Filmemacher Aljoscha Pause, der mit FUßBALL IST ALLES – AUCH SCHWUL auch noch mit dem dritten Teil einer Dokumentarfilmreihe zur Homophobie im Fußball auf dem Festival vertreten war, hatte Thomas Broich fast zehn Jahre lang immer mal wieder mit der Kamera begleiten können und schuf dergestalt ein außergewöhnliches Porträt dieses außergewöhnlichen Fußballers. Als frisch gebackener australischer Meister (Brisbane Roar) wurde Broich mit Wegbegleitern wie etwa Michael Oenning (als Chef-Trainer des Hamburger SV ebenfalls frisch gebacken) und dem gesamten Filmteam auf der Bühne gefeiert.
Auch der spätere Siegerfilm des Festivals (und damit Preisträger der Goldenen 11) war ein Dokumentarfilm: MEISTER VS. MEISTER von Johannes Grebert. Der Film begleitete eine Aktion, bei der vier zuvor ausgewählte Mannschaften von Handwerksbetrieben gegen ehemalige Welt- und Europameister wie Sepp Maier, Horst Eckel, Andreas Brehme, Mario Basler u.v.m. antreten durften – Meister gegen Meister eben. Die ausgelassene Heiterkeit der verdienten Recken einerseits und die ehrfürchtig angespannte Freude der Handwerksmeister andererseits kontrastierten auf so gelungene Weise, dass man den Film als feelgood documentary bezeichnen könnte – gäbe es ein solches Genre.
Dass die meisterlichen goodwill games durchaus auch unter einem sportlich ambitionierten Gesichtspunkt bestritten wurden, betonte nicht zuletzt Sepp Maier als Stargast des Festivals: Für die Handwerksmeister ging es um eine stattliche Prämie – für die Altmeister des Fußballsports um die Ehre. Letztere gewannen jedes Spiel deutlich.
Der Dokumentarfilm bleibt für das Genre des Fußballfilms und damit auch für ein thematisch auf dieses Genre ausgerichtete Festival das wichtigste Aushängeschild. Davon zeugt die Vielzahl überwiegend gelungener Dokumentarfilme (SOKA AFRIKA, STREET KIDS UNITED, THE TWO ESCOBARS, DAS SCHIFF DES TORJÄGERS) und Dokumentationen (HEYSEL 85 – REQUIEM FOR A CUP FINAL, ONE NIGHT IN TURIN, DER NÄCHSTE GEGNER IST IMMER DER TEUERSTE), die auch dieses Jahr wieder das 11mm-Festival bestimmten. Der dänische Dokumentarfilm SØN AF FODBOLDSTJERNE von Niels Christian Jung folgte – ebenfalls als Langzeitbeobachtung konzipiert – mit Morten Nielsen der wechselvollen Entwicklung eines der talentiertesten dänischen Nachwuchsspieler der letzten Dekade. Durch diesen Film erhält der Zuschauer auch einen tieferen Einblick in die Talentschmiede etwa von Chelsea London, die den Sohn des ehemaligen Fußballprofis Benny Nielsen als 16-Jährigen verpflichtet hatten. Frank Arnesen, der jetzige Sportchef des Hamburger SV, gewährte dem Filmemacher dabei sogar das von ihm nur selten eingeräumte Privileg von Interviews.
Neben dem Nachwuchsbereich, der ferner Gegenstand des Films HAUPTSACHE FUßBALL – JUNGE PROFIS AUF DEM WEG INS SPIEL war, galt den Schiedsrichtern in einem gelungenen Doppelpack besondere Aufmerksamkeit: Der bereits als DVD-Edition weit verbreitete belgischen Film REFEREES AT WORK faszinierte besonders in seiner Dokumentation der konstanten Fernkommunikation der EM-Schiedsrichter während des laufenden Spiels. Fast unwillkürlich (und vermutlich unfreiwillig) wird dadurch indes auch die Frage aufgeworfen, ob die Argumentation gegen die Unmöglichkeit der Einführung eines Videobeweises nicht für alle Zeit ad absurdum geführt worden ist. Dass ein solcher gelegentlich mehr als nützlich wäre, hatte als Vorfilm zu REFEREES AT WORK bereits RÄTTSKIPAREN gezeigt: Als Dokumentation über jenen unglücklichen Schiedsrichter Martin Hansson, der Thierry Henrys entscheidendes Handspiel in der WM-Relegation nicht gesehen hatte, offenbarte der schwedische Kurzfilm auf verschiedenen Ebenen interessante Einblicke – mag dies für manche Zuschauer auch nur zur Erlernung neuer schwedischer Schmähgesänge auf den Schiedsrichter gelten…
Stimmungsvoll und zugleich eindringlich die Bedeutung des Fußballsports in Chile reflektierend überzeugte im dokumentarischen Bereich vor allem der Film OJOS ROJOS, dessen drei Regisseure ihrer Nationalmannschaft über die Dauer von acht Jahren gefolgt waren, bis Chile sich endlich wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Analog zur Nationalmannschaft konnte das kleine südamerikanische Land mit diesem Film wieder Anschluss an internationale Standards erreichen, die hinsichtlich von südamerikanischen Fußballfilmen (dank OJOS ROJOS nur mehr quantitativ) auch dieses Jahr wieder von Argentinien (ARGENTINA FÚTBOL CLUB, ARGENTINA Y SU FABRICA DE FUTBOL) und Brasilien (JOÃO – THE BRAIN BEHIND THE GAME, INACREDITÁVEL) gesetzt wurden. Im Gegensatz zu dem auch filmisch meisterhaft komponierten ARGENTINA FÚTBOL CLUB konnte die brasilianische Dokumentation INACREDITÁVEL – A BATALHA DOS AFLITOS als Siegerfilm des ersten brasilianischen Fußballfilmfestivals Cinefoot nur wenig als filmisches Werk begeistern. Der unter seinem internationalen Verleihtitel UNBELIEVABLE gezeigte Film dokumentierte indes ein wahrlich denkwürdiges Fußballspiel zwischen Grêmio Foot-Ball Porto Alegrense und dem Clube Náutico Capibaribe aus dem Jahr 2005: Grêmio durfte jenes Spiel nicht verlieren, um den Wiederaufstieg zu schaffen. Elf Minuten vor dem Ende pfiff der Schiedsrichter jedoch einen umstrittenen Handelfmeter. Die Proteste eskalierten. Grêmio musste schließlich das Spiel mit nur noch sieben Spielern fortsetzen. Der Elfmeter aber wurde gehalten und Grêmio erzielte sogar noch den Siegtreffer…
Die weite Bandbreite der gezeigten Filme war beim 11mm-Festival dieses Jahr wie in jedem Jahr besonders augenfällig. Nach dem iranischen Film CARTE GHERMEZ (THE RED CARD) beispielsweise verließ das Publikum schweigsam benommen das Kino. Die Gespräche über den Film liefen nur langsam an, dauerten dann aber lange fort. Dieser Dokumentarfilm wirkte lange nach. Er schilderte den Gerichtsprozeß an der Geliebten (bzw. Nebenfrau) eines prominenten Fußballers, die den brutalen Mord an dessen legitimer Ehefrau gestanden hatte – vor dem Richter nun aber angab, ihr Geständnis unter Zwang gemacht zu haben. In einem archaisch anmutenden Prozess wurde die Frau zum Tode verurteilt… Im krassen Gegensatz zur betroffenen Stimmung von CARTE GHERMEZ standen eine vorzüglich originalgetreue Romeo & Juliet-Verfilmung im portugiesischen Fußballmilieu (STAR CROSSED), der lärmende St.-Pauli-Film GEGENGERADE, der nordkoreanische Propagandaspielfilm CENTRE FORWARD, das nicht nur musikalisch rockende Hooligandrama AWAYDAYS und das wiederum eher stille Meisterwerk JOHAN PRIMERO von Johan Kramer. Die britische Komödie SIXTY SIX zog auf eine heiter-melancholische Art sämtliche Register vom grellen Klamauk zur pathetisch-trotzigen Lebensbejahung.
Selbiges gilt für den Kurzfilmwettbewerb Short Kicks, mit dem das Festival alljährlich seinen Abschluss findet. In der dieses Mal nicht ganz pannenfreien Veranstaltung setzte sich der englische Film THE BALL von Katja Roberts gegen mehrheitlich starke Konkurrenten (u. a. REFAIT, RONALDO, THE RULE OF THE GAME) durch. Es wurden dieses Jahr bei konstant guten Zuschauerzahlen mehr Filme als jemals zuvor gezeigt. Das von der DFB-Kulturstiftung unterstützte Festival etabliert sich dergestalt weiter als weltweit führendes Fußballfilmfestival. Mag auch nach dem Entstehen von Cinefoot in Brasilien, mit welchem eine Partnerschaft vereinbart wurde, und den verschiedenen Auflagen der amerikanischen Festivalreihe Kicking & Screening (u.a. in Amsterdam), zu denen ebenfalls Kooperationen angedacht sind, 11mm als Fußballfilmfestival quantitativ nicht mehr einmalig sein – qualitativ ist die Bandbreite und Klasse der in Berlin alljährlich gezeigten Filme weiterhin unerreicht.
Zuletzt soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass sich die Veranstalter des 11mm-Festivals auch dieses Jahr wieder mit einem eigenen pädagogisch begleiteten Kinder- und Jugendfilmprogramm gezielt darum bemüht haben, ein junges bis sehr junges Kinopublikum für den Fußballfilm und die darüber transportierten Themen zu gewinnen. Im Nachschlag zur Weltmeisterschaft in Südafrika liefen dabei beispielsweise zwei sehr unterschiedliche Filme, die es gleichsam im Vorübergehen schafften, soziale Problemthemen in unterhaltsame Spielfilme für Kinder zu integrieren: der anrührende THEMBA und der überbordend lebendige AFRICA UNITED! Die zu gesonderten vormittäglichen Zeiten veranstalteten Vorführungen für Schulklassen waren gut besucht und diese Filme wurden besonders lebhaft begleitet.
Im Rahmen des Kinder- und Jugendfilmprogramms des Festivals war für einen außenstehenden Festivalgast zudem die im Kino Babylon fest institutionalisierte Form des Kinderwagenkinos eine äußerst interessante Entdeckung: Kinderwagen zwischen den Sitzreihen, Krabbeldecken im Flur und stillende Mütter, die sich vormittags einen Fußballfilm (DER GANZ GROSSE TRAUM) anschauen und nach dem Film dem engagierten Regisseur Fragen stellen können – das sollte die Zukunft des Kinos sein! Zumal im Jahr der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland.
Fotos:© Doro Tuch / www.raumradar.de