27.03.11
Dauerhoch in Down under
In Deutschland hat der Fußballprofi Thomas Broich kein Glück gehabt, weder bei Borussia Mönchengladbach noch beim 1. FC Köln oder beim 1. FC Nürnberg. Erst in Australien hat der 30-Jährige, der schon Symptome von Depression zeigte, zu sich selbst gefunden.
Thomas Broich wirkt hilflos, als er 2010 in die Kamera des Bonner Filmemachers Aljoscha Pause blickt. Er ist beim 1. FC Nürnberg angelangt, längst ist die Zeit vorbei, in der Broich als kommender Nationalspieler galt. Es ging schleichend abwärts, 2006 in Mönchengladbach, danach in Köln. Nun glaubt er, in Nürnberg endgültig das Fußballspielen verlernt zu haben, allein der Gedanke an Training lässt seine Beine schwer werden. Er lebt in einer Stadt, in der er nicht leben will. Er arbeitet in einer Branche, deren Regeln er nicht akzeptiert. Er zeigt Symptome einer Depression, er verachtet seinen Beruf. Er kann nicht mehr.
Zu diesem Zeitpunkt, 2010, hätte die Langzeitdokumentation von Thomas Broich und Aljoscha Pause mit einer vertrauten Botschaft enden können: Spieler, die sich anders geben, die nicht alles mitmachen wollen, sind in der Ergebnisfabrik Bundesliga zum Scheitern verurteilt. Seit 2003, seitdem Broich als 22-Jähriger bei Wacker Burghausen auffiel, begleitete ihn Pause immer wieder mit der Kamera. Ihr Plan: Der Blick hinter die Kulissen einer Karriere, offen, schonungslos.
Die Bundesliga ist eine Illusion
Am Freitag feierte der Film nun in Berlin beim Fußballfilmfestival 11mm Premiere: „Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen“. Der Titel geht auf eine frühere E-Mail-Adresse Broichs zurück, auf seine Begeisterung für Frankreichs Idol Zinédine Zidane. Regisseur Aljoscha Pause hat mehr als hundert Stunden Material gedreht. Entstanden ist dann doch keine Studie des Scheiterns. Eher eine Wegbeschreibung aus gefühlter Ausweglosigkeit.
Wer Broich, mittlerweile 30, in diesen Tagen gegenüber sitzt, erlebt einen selbstbewussten Mann, der mit sich im Reinen ist und der entspannt mit seiner Vergangenheit umgehen kann. Anfangs wurde Broich von Medien als „Mozart mit der Kugel“ hofiert, als Intellektueller, der Dostojewski liest, Klavier spielt, töpfert – während Mitspieler in Waffenmagazinen blättern. „Ich war sehr eitel, ich dachte, ich könnte den Fußball auf meine Art revolutionieren“, sagt Broich. „In meiner Naivität habe ich nicht begriffen, dass dadurch eine Fallhöhe entsteht. Ich habe aus dem Auge verloren, dass ich in erster Linie Fußballer bin.“
Das Bild, das Medien von ihm entworfen hatten, legten sie ihm negativ aus, als der Erfolg ausblieb. Broich war in seinen Teams isoliert, fühlte sich verletzt. Sein Freund und Trainer in Nürnberg, Michael Oenning, sagt im Film, wer sich im Fußball anders gibt, werde schnell als Gefahr wahrgenommen. Broich beschreibt die Branche als Illusion, in der man verschiedene Rollen annehmen muss. Er wollte wieder selbst navigieren und flüchtete − so weit weg wie möglich.
Wie ein Rausch
2010 ist Broich nach Australien gewechselt, zu Brisbane Roar. Er spielte groß auf, blieb mit seinem Team 27 Spiele ungeschlagen, wurde Meister. Doch diese Koordinaten sind für ihn nicht entscheidend. „Ich bin glücklicher, als ich es in den Bundesliga je war“, sagt Broich. „Jetzt kann ich Fußball wirklich genießen. Vor 50 000 Zuschauern in der Bundesliga gefeiert zu werden, ist wie ein Rausch – ein kurzer Rausch. In Australien befinde ich mich eher in einem positiven Dauerzustand. In Australien hören die Kollegen wirklich zu, der Austausch ist intensiver, menschlicher.“
Frankfurter Rundschau