17.03.10
Große Diskussion nach Film über schwule Fußballer
Fußball und Schwulsein - das Thema sorgt nicht erst seit dem jüngsten Schiedsrichterskandal für Aufsehen. Filmautor Aljoscha Pause hat in seinem preisgekrönten Film «Tabubruch - Der neue Weg von Homosexualität im Fußball» schon im vorigen Jahr dokumentiert, wie umstritten das Thema ist: Toleranzbekenntnisse von Spielern und Trainern neben offenem Unverständnis. Im Rahmen des Internationalen Fußball-Filmfestivals «11mm» wurde der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete DSF-Dokumentationsfilm am Dienstagabend im Kino Babylon gezeigt und sorgte anschließend für eine große Diskussion zwischen dem Publikum und einem fünfköpfigen Podium.
Der Film ist der Versuch, zu zeigen, dass immer offener über das Thema gesprochen wird. Aber die Zuschauer im Kino waren davon nicht überzeugt. Auch Gudrun Fertig, Online-Chefredakteurin des lesbischen Magazins L-Mag, sprach von einer «Scheintoleranz im Film». Seitdem DFB-Präsident Theo Zwanziger betonte, dass Homosexualität im Fußball kein Tabuthema mehr sein dürfe, «zählt Zwanziger für mich zu der Kategorie coole Hete», sagte Fertig. Aber steht Zwanziger damit für den deutschen Fußball? «Ich denke, das hängt zum größten Teil an einzelnen Personen in vielen Vereinen», meinte Uwe Zühlsdorf vom schwul-lesbischen Fußballfanclub Hertha-Junxx.
Auch in der Debatte um den einstigen Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell bleibt das Thema heikel. «Das Wort Homosexualität wurde umschifft, um ja nicht dieses Fass aufzumachen», kritisierte Filmproduzent Norbert Kneibel. Dabei wäre es laut Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski die perfekte Gelegenheit gewesen, offen über das Thema zu sprechen. «Es hat sich gezeigt, dass alle noch keine Übung haben, mit sowas umzugehen - Homosexuelle wie Heterosexuelle», sagte Online-Redakteurin Fertig. Verantwortlich gemacht für den Umgang mit dem Thema werden im Film die Medien. Sozialwissenschaftler Dembowski meinte dagegen, dem in der Gesellschaft vorherrschenden Männerbild zu entsprechen, werde im männerdominierten Fußball noch mehr erwartet. «Ich habe mich nie nach meinen Bedürfnissen gerichtet», erinnerte sich Markus Urban, ehemaliger Spieler bei Rot-Weiß Erfurt. Urban zog sich Anfang der 90-er Jahre wegen seiner sexuellen Neigung aus dem Fußballsport zurück.
Die Angst, ausgegrenzt zu werden, sei groß. Für ihn spielten dabei persönliche Beziehungen eine größere Rolle als die Öffentlichkeit. Filmproduzent Kneibel will Urbans Lebensgeschichte verfilmen.
Spieler wollten sich bedeckt halten, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Besonders der finanzielle Aspekt spiele dabei eine große Rolle. «Jeder gibt sein Toleranzstatement ab, aber was passiert wirklich mit dem Ersten, der sich outet?» fragte Kneibel.
«Am besten wäre wahrscheinlich, wenn mehrere gleichzeitig diesen Schritt gehen», sagte Zühlsdorf von den Hertha-Junxx. Das Bündnis aktiver Fußballfans versucht seit Jahren, elf Profispieler zu mobilisieren, die sich gemeinsam outen. Bereit erklärt hätten sich bisher aber nur drei, erzählte Wissenschaftler Dembowski. «Wir können uns ja zusammentun, vielleicht kommen wir dann doch noch auf elf», schlägt Fertig vor. Die Online-Redakteurin erhält nach eigenen Worten immer wieder Anrufe von homosexuellen Spielern.
Auch Ex-Profi Urban bitten viele Spieler um Rat. Oft wisse er gar nicht, was er ihnen sagen soll. Deswegen sollte seiner Meinung nach ein flächendeckendes Betreuungsangebot durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in den Vereinen eingeführt werden, an das man sich diskret wenden kann - «auch mit anderen Themen, die Fußballern Angst machen».
DPA 17.03.2010 - 15:39:00