Echte Europameister

Freitag, 31. März 2017

Während die große Mehrheit der Festivalbesucher noch im isländischen Fußballhimmel träumte, begaben sich etwa 20 Zuschauer in das kleine Nebenkino Babylon 2, um die deutsche Erstaufführung des slowakischen Dokumentarfilms „Finále“ von Pavel Korec und Dusan Milko zu erleben. Überraschend tauchten die Produzenten des Filmes, Miroslav und Peter Čížek, aus Prag auf. Das Vater-Sohn-Duo hält „Finále“ weniger für einen Sportfilm als für eine Studie der Geschichten rund um den Fußball.

Die Mannschaft von 1976 war hauptsächlich eine slowakische. Acht Spieler aus der heutigen Slowakei standen mit dreien aus dem heutigen Tschechien in der Startaufstellung, die gegen die Mannschaft von Beckenbauer, Schwarzenbeck und Hölzenbein den Titel erringen konnte. Zwar wird in tschechischen und slowakischen Brauhäusern gerne ab und zu nochmal debattiert, wem der damalige Titel zuzurechnen ist, aber der Europameister-Titel von damals ist offenkundig ein Relikt einer untergegangenen Zeit. Ein Hauch von Nostalgie schwingt auf den Alt-Herren-Veranstaltungen der Europameister-Elf zwar stetig mit, aber über die Atmosphäre einer Dorf-Disko geht der Enthusiasmus dabei nicht hinaus.

Die Filmemacher begleiteten die Protagonisten der Europameistermannschaft von 1976 im letzten Sommer, währenddessen die Mannschaft der Gegenwart um Marek Hamsik versuchte eine neues Kapitel aufzuschlagen. Das Spannungsfeld des Films wird durch die Gegenüberstellung der jeweiligen Erfahrungswelten erreicht. Während die sportlichen Helden von damals ein wenig verloren im bürgerlichen Leben versunken sind und sich als Spielervermittler, Pförtner und Buchhändler ihren Alltag durch fußballerische Zusammenkünfte aufwerten, kämpft sich die heutige Mannschaft mehr schlecht als recht durch die Vorrunde und scheidet im Achtelfinale mit 0:3 ausgerechnet gegen Deutschland aus. Das hindert sie aber nicht daran, den fröhlichen Starkult des modernen Fußballs zu leben. Der Dokumentation gelingt es diesbezüglich die Diskrepanz der Heldenverehrung der heutigen Zeit herauszuarbeiten und stellt kommentarlos die Selbstdarsteller des heutigen Fußballs dem Mannschaftsgeist der 1970er Jahre entgegen.

Der Film Finále profiert stark von den charmanten Herren der Europameisterelf profitiert. Auch wenn sie inzwischen einen Schuhanzieher in der Umkleidekabine brauchen, sind die kleinen Scherze und Gesangseinlagen der inzwischen etwas kompakter wirkenden Fußballhelden das große Fundament der Dokumentation. Die Bodenständigkeit der Senioren wird durch den Vergleich mit deutschen Protagonisten des damaligen Spiels zusätzlich noch überhöht. So werden Rainer Bonhof auf dem privaten Golfplatz und Dieter Müller – der zusammen mit Bernd Hölzenbein in Erinnerungen schwelgt – in der heimischen Villa interviewt, während die Tschechoslowaken am bierseligen Sammtisch oder am Arbeitsplatz befragt werden. Der Titel von 1976 war offenkundig mitnichten ansatzweise so profitabel wie das Leben eines mittelklassigen Fußballers in heutigen Zeiten. Auch die Fußballrente in Deutschland scheint auf einem anderen Niveau möglich, als es in der Slowakei der Fall ist, auch wenn Bernd Hölzenbein zu Recht betont, dass der zweite Platz in Deutschland nichts zähle und dementsprechend auch niemand am Flughafen gewesen sei, um die Mannschaft zu empfangen.

„Finále“ beschreibt auf eindringliche Art und Weise die Vergänglichkeit des Erfolgs angesichts der überbordenden Inszenierung der Gegenwart. Ein sehenswerte Dokumentation, die Fußballgeschichte in Bezug zur heutigen Realität setzt und einen nostalgischen Blick als Kritikpunkt an der Moderne gekonnt einsetzt.

Der Text stammt aus dem Blog Der Panenka und wurde uns in einer gekürzten Fassung freundlicherweise von Autor Axel Diehlmann überlassen.