Die Wochenendrebellen

Sonntag, 02. April 2017

"Papsi muss heute alleine klarkommen, ich bin im Urlaub", spricht eine Jungensstimme aus einem Lautsprecher. Papsi sitzt am Lesetisch und sieht etwas blass aus. Es ist das erste Mal, dass er öffentlich aus seinem "Wochenendrebell" vorliest. Darin beschreibt er die Reise von Vater und Sohn auf der Suche nach einem Lieblingsverein für den Sohnemann. Diese Suche ist kompliziert, denn der 11-jährige Jay-Jay ist besonders:

"Jay-Jay hasst laute Umgebungen, Menschenmengen, Kinder, Salami und Gedränge[…] Er interessiert sich für unterschiedliche Blickwinkel der allgemeinen Relativitätstheorie, beschreibt die Heisenbergsche Unschärferelation so, dass sogar ich sie verstehe und lernt gerne spannende Dinge über die Herstellung von Zeitkristallen oder schreibt Interpretationen zum Heliozentrischen Weltbild. Er kann sich nicht die Schuhe binden, hat in seinem Leben weder Mama noch Papa bewusst geküsst."

So beschreibt Papsi seinen Sohn Jay-Jay in den ersten Zeilen, die er vorliest. Jay-Jay hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Die Reise durch die Stadien zahlreicher Fußballvereine ist ein besonderer Weg für Vater und Sohn, sich damit auseinanderzusetzen und sich besser zu verstehen. Seit 2012 bereisen sie am Wochenende die Republik, haben fast 50 Stadien besucht, dort allerlei Kurioses erlebt und immer wieder die durch die Entwicklungsstörung entstehenden Herausforderungen gemeistert.

Schon zu Beginn der Lesung war klar, dass viele Hörer im Publikum die Texte eigentlich längst kannten. Die Wochenendrebellen haben mittlerweile eine kleine Fangemeinde. Die Lesung auf dem 11mm-Festival hatte Papsi über die sozialen Netze angekündigt. Unter den Zuhörer befanden sich auch viele Blogger-Freunde, die deswegen extra zum 11mm Fußballfilmfestival gekommen sind. Noch vor der Lesung wehte eine Eckfahne vom 1. FC Union Berlin am Mikrofonständer. Ein Geschenk und eine kleine Geste für Jay-Jay, der sich bei seinem Besuch in der alten Försterei gewundert hatte, warum auf die Eckfahne ein Hai gemalt ist. Eifrig erläuterten die Union-Fans Papsi die Story von dem Haikopf auf der Eckfahne mit der Bitte, sie an Jay-Jay weiterzutragen.

Bei der nächsten Lesung hat Jay-Jay versprochen dabei zu sein. Wer weiß, vielleicht ist er bis dahin sogar richtig berühmt, so wie er sich das wünscht. Seit einem halben Jahr schreibt er nämlich seinen eigenen Blog, nicht über Fußball, sondern mit wissenschaftlichen Abhandlungen zu Astronomie, Physik, Geschichte und Biologie. Außerdem hat er durchgesetzt, dass die Wochenendrebellen jetzt auch noch einen Podcast aufnehmen: "Radiorebell". Darin geht es um Themen wie Geschwister, Freundschaft und natürlich auch Relativitätstheorie und Unschärferelation. Und manchmal auch um Auswärtsfahrten.